1. Deutsch-Niederländisches Wirtschaftsforum

Das Tandem Deutschland-Niederlande als Motor für Europa

24. Juni 2015

Erstes Deutsch-Niederländisches Wirtschaftsforum diskutiert Chancen und Herausforderungen der bilateralen Beziehungen in Münster

„Deutschland und die Niederlande sind – weltweit gesehen – wirtschaftlich am intensivsten verflochten“, so Prof. Friso Wielenga, Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zum Auftakt des Deutsch-Niederländischen Wirtschaftsforums, einer gemeinsamen Initiative des Zentrums für Niederlande-Studien und der Deutsch-Niederländischen Handelskammer.

Vor dem Hintergrund der derzeitigen Wirtschafts- und Finanzkrise sowie aktueller europäischer Fragen wie TTIP, Migration und Euro-Skepsis kamen am 24. Juni 2015 Vertreter:innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft aus Deutschland und den Niederlanden im Erbdrostenhof in Münster zusammen, um bilaterale Potentiale zunächst in einzelnen Impulsvorträgen auszuloten und Lösungsansätze für bestehende Herausforderungen in einer hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion zu diskutieren. In dem anschließenden Netzwerktreffen bestand die Gelegenheit, einzelne Fragestellungen in persönlichen Gesprächen zu vertiefen.

Im Zentrum des Nachmittags stand vor allem die Erörterung der aktuellen Chancen und Herausforderungen aus unterschiedlichen Perspektiven: „Das stets wachsende Handelsvolumen beider Länder spricht eine klare Sprache“, hob der niederländische Generalkonsul Ton Lansink in seinem Grußwort hervor und ergänzte gleichzeitig, die deutsch-niederländischen Beziehungen zeichneten sich vor allem dadurch aus, dass sie auch in Krisenzeiten stabil seien. Dies habe auch historische, sprachliche und kulturelle Gründe. Dennoch werde die „Achse Deutschland-Niederlande“ noch häufig unterschätzt, so Aart Jan de Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung in seinem Statement: Sie sei mit Blick auf die schiere Größe beider Länder natürlich zunächst asymmetrisch, allerdings insbesondere bezogen auf die europäische Zukunft als „fundamental“ und „Motor in Europa“ einzuschätzen.

Die Niederlande als Partnerland auf der Hannover Messe 2014 sowie die Regierungskonsultationen zwischen beiden Nachbarländern in Kleve 2013 unterstreichen einmal mehr die Bedeutung der Zusammenarbeit. Gründe dafür sahen die Expert:innen vor allem in den Übereinstimmungen zwischen Deutschland und den Niederlanden hinsichtlich der Sozialen Marktwirtschaft sowie vergleichbaren Strukturbedingungen: „Beide Länder haben eher geringe Investitionen in Bildung und Forschung, hohe Produktionskosten und stehen vor ähnlichen Fragen im Hinblick auf Migration und Integration“, erklärte BDI-Präsident Ulrich Grillo. Bezüglich der Zusammenarbeit beider Länder bräuchte es allerdings konkrete Projekte, um auf weiteren Feldern bilaterale Kooperationen zu befördern, hob sein niederländischer Kollege, Hans de Boer, Vorsitzender des niederländischen Arbeitgeberverbandes VNO-NCW, hervor. Es bestünden weiterhin „Korridore, die man ausbauen sollte“, vor allem bezüglich der Investitionen in Infrastruktur und transeuropäische Netze. Zugleich bot de Boer an, die innovativen Ideen der Niederländer:innen zu nutzen und sein Land „als Versuchslabor“ zu betrachten.

Diese Anregung nahm die Moderatorin der anschließenden Podiumsdiskussion, Anna Planken (WDR) auf, um den geschäftsführenden Gesellschafter der Miele & Cie. KG, Dr. Reinhard Zinkann, zu fragen, ob man als Unternehmen von diesem Angebot nicht Gebrauch machen solle. Zinkann bestätigte daraufhin, dass die Niederlande nicht nur der älteste Auslandsmarkt von Miele seien, sondern in der Tat auch häufig als Testland für neue Produkte gelten, nicht zuletzt wegen der Größe des Landes.

Den Effekt „gemeinsam sind wir stärker“, den Prof. Kees van Paridon, Wirtschaftshistoriker der Erasmus-Universität Rotterdam, in der Diskussion in diesem Zusammenhang betonte, bestätigte Aart Jan de Geus vor dem Hintergrund einiger kultureller Unterschiede: So seien die Niederländer:innen eher „pragmatisch, geschäftstüchtig, aufgeschlossen und innovativ, die Deutschen dagegen gründlich, solide, verlässlich, aber auch weniger experimentierfreudig.“ Dies griff auch Grillo auf: Beide Länder könnten voneinander lernen. So trügen etwa die „anpassungsfähigen Strukturen in den Niederlanden zum Erfolg deutscher Unternehmen bei.“ Der deutsche BDI-Präsident ergänzte: „Gute Beziehungen sind kein Selbstläufer, man muss sie pflegen und ausbauen.“ Hier nannte er aus seiner Sicht vor allem drei Herausforderungen, die sich nur europäisch lösen ließen: Energie, Industrie 4.0 sowie TTIP.

Insbesondere bei diesen komplexen Themen sei es wichtig, in beiden Ländern und in Europa insgesamt mögliche Ängste der Bevölkerung vor Veränderungen ernst zu nehmen, wie Prof. Dr. Reinhard Klenke, Regierungspräsident in Münster, in seinem Schlusswort betonte. So könne es gelingen, dass sich die Vision von Aart Jan de Geus, „die Niederlande und Deutschland ziehen zum Wohle Europas an einem Strang“, erfüllen könne. Alle Referent:innen ermunterten hier vor allem auch die anwesenden Studierenden, sich bei den aktuellen binationalen wie europäischen Fragen zu beteiligen und die gemeinsame Zukunft aktiv mitzugestalten. Klenke forderte abschließend alle Anwesenden auf, in diesem Zusammenhang die Einrichtung einer für beide Länder bedeutsamen Stiftungsprofessur Wirtschaft und Recht zu den deutsch-niederländischen Beziehungen, eine Initiative des Zentrums für Niederlande-Studien, zu unterstützen.

Text: DNHK/ZNS

Impressionen

v.l.n.r. Loek Geeraedts, Hans de Boer, Friso Wielenga, Kees van Paridon, Ton Lansink, Anna Planken, Ulrich Grillo, Aart Jan de Geus, Reinhard Klenke (Foto: ZNS/Hermann Herden)
Erbdrostenhof, Münster (Foto: Jürgen Peperhowe)
Ulrich Grillo im Erbdrostenhof (Foto: ZNS/Hermann Herden)
Ulrich Grillo im Erbdrostenhof (Foto: ZNS/Hermann Herden)

Video Rückblick

Video Fazit

Programm

Eröffnung

Begrüßung
Prof. Dr. Friso Wielenga, Direktor des Zentrums für Niederlande-Studien der WWU Münster

Grußwort
Ton Lansink, Generalkonsul des Königreichs der Niederlande, Düsseldorf

Impulsvorträge

Hans de Boer, Vorsitzender des niederländischen Arbeitgeberverbandes VNO-NCW
Chancen und Potentiale: Die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen aus niederländischer Sicht

Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Industrie BDI
Chancen und Potentiale: Die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen aus deutscher Sicht

Aart Jan de Geus, Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung
Deutschland und die Niederlande: Wirtschaftspartner in Europa

Diskussionsrunde: „Chancen und Risiken für die bilaterale Wirtschaft“

Hans de Boer, VNO-NCW
Ulrich Grillo, BDI
Aart Jan de Geus, Bertelsmann Stiftung
Prof. Dr. Kees van Paridon, Erasmus Universiteit Rotterdam
Dr. Reinhard Zinkann, Miele & Cie. KG

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